Von news.de-Redakteurin Anika Kreller / Artikel vom 03.10.2011
Die Wiedervereinigung ist gründlich misslungen, sagt Edgar Most. Im news.de-Interview spricht der ehemalige Berater des Aufbau Ost über die Gier des Westens, zerstörte Leben und erklärt, warum der Osten auch in zehn Jahren noch hinterherhinken wird.
Herr Most, wenn Sie Bilanz ziehen: Ist die Wiedervereinigung gelungen?
Edgar Most: Nein. Politisch zwar schon, aber wirtschaftspolitisch nicht. Da die Wirtschaftspolitik das Entscheidende ist, was die Menschen befriedigt, weil sie den Lebensstandard beeinflusst, kann man nicht von einer gelungenen Wiedervereinigung sprechen. Auch nach 20 Jahren nicht. Und wir werden das auch nach 30 Jahren nicht sagen können.
Warum so pessimistisch?
Most: Wir haben zwar momentan eine gute Entwicklung in Deutschland und damit auch in den Neuen Ländern. Aber wenn man sich die Arbeitslosenzahlen anschaut, haben wir den Aufschwung im Osten nie geschafft. Wir liegen immer noch weit unter dem West-Niveau. Auch die Lohnentwicklung liegt durchschnittlich 20 Prozent niedriger. Das wird wesentlich beeinflusst durch die Teilzeit. Es gibt viele befristete Verträge und Leiharbeit. Das sind Faktoren, die das Gesamtniveau negativ beeinflussen. In Analysen zur Zufriedenheit liegt der Osten ganz hinten.
Woran liegt das? Wurden bei der Wiedervereinigung Fehler gemacht?
Most: Die D-Mark-Einführung erfolgte zu schnell und zu einem falschen Kurs. Helmut Kohl hat das einfach verkündet, ohne die Bundesbank zu fragen - eine unmögliche wirtschaftliche Fehlentscheidung. Außerdem sind die Wirtschaft und die Betriebe der DDR völlig falsch bewertet worden. Das eigentliche Treuhandgesetz, das vorsah, das DDR-Vermögen der Bevölkerung zukommen zu lassen, wurde nicht umgesetzt. Stattdessen wurde die Privatisierung in eine Richtung gelenkt, dass der Osten der Verlierer geblieben ist. Die Industrieproduktion wurde innerhalb von drei bis vier Jahren auf 30 Prozent zurückgefahren. Es wurde alles viel zu schnell gemacht, gute Ansätze nicht zu Ende diskutiert. Es wurde nicht darüber nachgedacht: Wie soll der Osten weiterleben?